Schland! …oder so.

Frankreich gegen Schland, Horray!, verloren, Horruh?, egal, als wenn Dich das jemals interessiert hätte, aber die Nacht ist doch voller diesmal, nicht lauter, voller, Menschen, die einfach nur noch nach Hause wollen, oder in die nächste Kneipe, oder zur Nachttanke, also genauso wie Du, ein paar kommen Dir entgegen, weichen Dir aus, die Blicke überall, nur nicht in Deine Richtung, und das ist auch mal ganz geil, oder?, ja, ist es. Macht und böser Junge und leckt mich doch alle, sie spüren, sehen selbst im Halbdunkeln der Straßenbeleuchtung Deinen Hass, und solange Du jetzt nicht nen paar echten Hools über dem Weg läufst, kannst Du es, darfst Du es, solltest Du es genießen, die Blicke, die sofort nach unten gehen, den Bogen, der um Dich gezogen wird, das klein machen, aber vor allem den Hass – die reine, unverfälschte Wut, ziellos, eigentlich, oh, ganz sicher nicht wegen dem Spiel, sorry, nein, sondern gegen alles und gegen jeden und gegen das Nichts, vor allem gegen das Nichts, gegen den riesigen Scherbenhaufen, den Du Leben nennst, gegen die Freunde, hah, Perlen vor die Säue und so, also sind wir mal ehrlich, gegen Dich; und Du genießt es, trotzdem, deswegen, aber eigentlich weil Du endlich wieder etwas fühlen kannst, und wenn es nur Hass ist, egal, genieße es, es wird nicht lange anhalten.
Und auf dem Rückweg wieder die Blicke, die Nichtblicke, das Ausweichen, jaja, weicht nur aus, ich würd ja auch, wenn ich nur könnte, die Jackentasche schwer mit Bierdosen, immerhin, und irgendwo hier versteckt sich eine Bukowski-Referenz, oder sollte sich, und wenn Dir das zu weit weg ist, dann sei Gott gedankt für Stefanie Sargnagel, und glotzt mich alle bloß nicht an, breitbeinig, und leckt mich, und der kleine Penner auf der Bank am Weg macht sich noch kleiner.
Und plötzlich ist das der Moment, wo Du zögerst, ein paar Augenblicke weiter, zögerst, stehen bleibst, umdrehst.
Und Du sprichst ihn an, entschuldigst Dich, dass Du ihn jetzt einfach so ansprichst, fragst ihn, ob alles okay ist, ob er klar kommt, schon wieder, Du kennst ihn, Du hast ihn schon mal gesehen in diesem Viertel der so satten Menschen, hast ihn schon mal gefragt, und was soll er eigentlich auf diese Frage antworten?, die kleine Flasche in der Hand, und so klein auf der Bank, und Du fummelst Dein letztes Geld aus der Tasche, Deine Kippen, und es regnet in den letzten Tagen einfach zu viel, dass macht es nicht einfacher, und genug Kleingeld für den harten Alk ist auch nicht oft da, und ganz ehrlich, zuallermindest das kannst Du verstehen, und Du entschuldigst Dich, dass Du nicht mehr Geld dabei hast, und komm gut durch die Nacht, Mann. Und es tut mir leid.
Und im Weggehen merkst Du, wie der Hass ganz plötzlich fort ist, mal schauen wie lange diesmal, und vielleicht ist Dir da, während Du an ein und zwei und drei geparkten SUVs vorbeigehst, neben der Leere und der Verzweiflung irgendwas ins Auge gekommen, und als Du die nächste Ecke nimmst, merkst Du, Du hast ihn nicht einmal gefragt, wie er heißt…

Döner, iPhones und Frittensaddam…

Und dann stehst Du mit T. in nem McDöner, wartest auf euer Essen, und irgendwie ist das die allerletzte Art, eine Freitagnacht zu beginnen, ganz egal welche, von DIESER Nacht mal ganz abgesehen.
Du umklammerst nen Hansa, ein eiskaltes Hansa, und versuchst an nichts anderes zu denken. Kaltes Bier. Nicht an das Zittern Deiner Hände. Ganz sicher nicht an SIE.
T. trinkt seine Cola, spielt nonstop mit seinem iPhone, geht völlig darin auf und viel zu sehr dabei ab, Dir seine Welt zu zeigen.
Die Dir völlig am Arsch vorbei geht.
Hektisches Wischen über den Screen, schneller Wechsel, schnelleres Reden. Menschen, die er liest, die ihn aber nicht lesen, die er irgendwie kennt, die ihn aber ganz sicher nicht kennen, Porn, Musik, Comics, noch mehr Porn, Facebook, Singlebörsen und Du trinkst stumm Dein Hansa, schneller, noch eins, noch schneller.
Und der Saddam hinter seiner Theke, verschanzt in seinem so sicheren Hinterland jenseits der Berge aus Krautsalat und Schafskäse und kalten Pizzen und Formfleischteilen, mit seinem Heiligenschein aus aufsteigendem Friteusenfett und null Problemen macht nen Spruch.
Und T. lacht, und wenn Du jetzt nicht sofort noch nen Bier trinkst, flippst Du hier völlig aus.
Denn echt jetzt, welche erbarmungswürdige Existenz will denn Freitagnachts, heute, in ner verfickten, stinkenden, von nem verkappten Frittensaddam geführten Gammelfleischdönerbude stehen und sich Chuck-Norris-Witze anhören, Held hin oder her, oder Landserromantik vom großen Krieg Apple gegen Microsoft, oder Geschichten von am Weltschmerz leidenden Kiddies, die das Netz mit Fickwünschen und Geschichten über Nazis und Vampire und Nazivampire voll kotzen, und nachts voller Angst wach liegen, ob Papi ihnen den BMW zum 18. schenkt oder nicht, und natürlich hättest Du auch gerne nen BMW oder zumindest die Zeit und die Muße und das echte Verlangen drüber nachzudenken, aber Du musst ja in DEINEN Nächten unbedingt durch die Straßen schleichen, Risse in der Welt suchen, Gott suchen…
Und jetzt glotzen Dich beide an, T. sagt irgendwas, während er sein iPhone aus seiner Cola angelt und der Frittensaddam fragt irgendwie leicht verschnupft, ob Ihr die Scharfe oder die Spezial auf die Döner haben wollt, und dann schnappt Euch Eure Tüten und verpisst Euch bitte und vielen Dank und kommen Sie wieder.
Und dann mit T. auf der Straße im Regen. Gezwungene Konversation, die Stimmung ist raus, er wundert sich nur über diese Ähnlichkeit von Frittensaddam mit, na ja, Du weißt schon mit wem.
Aber Du hast jetzt garantiert keinen Bock, ihm DIE Geschichte zu erzählen oder überhaupt noch irgend eine, und so schmeißt T. seine durchweichenden Dönerfrittentüten auf den Beifahrersitz seines Fords, und nichts wie weg von hier. Auf keinen Fall weiter einmischen, mit Dir hier draußen gesehen werden, am Ende noch Partei ergreifen. Sein gemurmeltes VielGlückundso ist schon fast zuviel. Außerdem wartet da noch seine Frau, und so verschwindet er, es gilt noch Orks zu töten und Dörfer niederzubrennen heute Nacht.
Du schaust den Rücklichtern hinterher, bis sie ganz im Verkehr aufgegangen sind, noch ein wenig letzte Zeit schinden, aber schließlich gehst Du los. Raus aus dem Fettkippenbiergestank der Dönerbude. Richtung Rhein.
Und vielleicht schaut Saddam durch seine Fensterfront hinter Dir her, wünscht Dir Triumph oder Untergang.
Oder vielleicht auch nicht.

Splitter 6

„Haste Feuer, Towarischtsch?“
„Verpiss Dich!“ Seine Worte waren draußen, bevor er den Penner überhaupt richtig wahrgenommen hatte.
Jetzt erstarren beide, in einem zähen Moment, Blicke in einander verhakt, das dreckige Gesicht zoomt näher, blutige Lippen, gelbe Augen. Die Menschenmassen treiben vorbei, langsamer, und jetzt, jetzt melden sich seine Chips, der Booster springt ihn an, ebenso wie die grellen Neonlichter der Station, das Luftdruckgetöse beim Eintreffen der Linie 4, Richtung Dom, die abgestandene, verbrauchte Luft, das Funkeln des chromumrandeten Loches in der Schläfe des Penners vor ihm.
Er kämpft gegen die Chips, gegen die Tokarev, die unbedingt, und zwar SOFORT, raus will, um dem Dreckhead einfach ins Gesicht zu schießen.
Eine Nutte rempelt ihn an, das zerstört es. Der Penner reißt sich aus seinem Blick, nur fort von diesem komischen Arschloch, ganz sicher hatte er etwas bemerkt, die Nutte stöckelt ihrer Bahn entgegen, ihr Arsch in transparentes Latex geschweißt, und fort sind beide, in seinem Blickfeld nur wieder die gesichtlose Masse.
Der sich jetzt leerende U-Bahn Tunnel.

Splitter 5

Und sie spürt eine Anwesenheit, noch bevor sie den Geruch der nassen Jeans, des durchweichten Parkas, noch bevor sie den Geruch von Herbst in seinen langen Haaren wahrnimmt. Schritte, zögernd, und schließlich sieht sie ihn, auf der Matratze, zu seinen Stiefeln eine Lache des Regens.
Und er wirkt so klein.
Kraftlos.
Geschlagen.
Sie bleibt in der Tür stehen, fällt gegen den Rahmen, unfähig den Blick von seiner Gestalt zu nehmen, ohne Kontakt, seine Augen irrlichtern im Raum jenseits der Fenster, irgendwo im verhangenen Himmel, tanzend mit den Sturm. Nach einer Ewigkeit hebt er leicht den Kopf, schaut sie endlich an, und sie sieht es, findet endlich die Bestätigung in seinen Augen.
Und auf den Wangen plötzlich Feuchtigkeit, die nicht vom Regen stammt.
Bei keinem von ihnen…

Splitter 4

…ein Geruch, eine Stimme, oder ein Song. Inmitten all Deiner Sorgen, alltäglich, weltbewegend, für Dich groß und allmächtig, irgendwo zwischen die Welt wird untergehen, wenn ich nicht das oder jenes tue oder der Fassungslosigkeit zwischen zuwenig Geld, Toastbrot, Ketchup, Suppenküche und so hast Du Dir das alles nicht vorgestellt, aber trotzdem, irgendwo dazwischen die Erinnerungen, die nur darauf warten, raus zu kommen, die auf die Schwingungen aus den Lautsprecher reagieren, ob Du willst oder nicht, ein Geruch, eine Stimme, ein Song, und plötzlich ist alles wieder da, die Kälte der Dezembernacht, der Geruch von Frost und Sternen, Schuld, Scham, Sehnsucht, Deine Tränen, und irgendwo eine Welt entfernt begreifst Du wiedereinmal das nichts wirklich vergessen ist, egal wie viel Zeit vergangen, wie viel Leben dazwischen liegen. Lebe und lerne. Stirb und vergiss…

Splitter 3

Und dann stehst Du auf einem Parkdeck über der Stadt, und die Sonne geht unter, und mit ihr der Blick auf Banken, auf Microchips, auf Medienhuren und iPhonesymbionten.
Und die Nachtlichter gehen an, und die Stadt träumt von alten Zeiten, von dreckigen Kavernen, tiefst gegraben in die Erde, von Feuern, von Stahl, von Kohle.
Chrom.
Und Schatten…

Splitter 2

Erwachen, nach Luft ringen, ihr Arm viel zu schwer auf seiner nackten Brust, sie kuschelt, sie klammert. Eine Klette! Gefahr!
Der Arm drückt, er drückt dagegen, ihr warmer Körper an seinem Rücken, quasi klaustrophobierent, eingekeilt; dazu das Reiben ihrer Beine, dieser behaarten Beine, an seiner eigenen glatten Haut, er spürt jedes einzelne Haar, bei jeder Bewegung die er macht, und der Arm drückt weiter, Luft!
Er kämpft, windet, drückt sich, verdient sich seinen ureigensten Independence Day, jetzt, vielleicht um halb vier Uhr morgens, und tappst durch das kalte Zimmer ins Klo.
Er hätte sie direkt danach rauswerfen sollen, und stützt sich an die kalten, im kreischend nacktem Licht der Neonbirne kotz-gelben, Fliesen. Aber das wäre unhöflich gewesen, schließlich waren sie bei ihr.
Er läßt es einfach laufen, Zen-artige Versenkung beim Pissen in ihre gesprungene Keramik. Durch den Schlitz in der Wand, kaum mehr als die schmale Absicht eines Fensters, sieht er den Plattenbau umrahmten Himmel, das Morgengrauen noch immer fett überstrahlt vom Werbefallout der City, irgendwo der Fernsehturm. Es berlinert, sozusagen, noch.
Gegenüber, im stickigen Dunkel des Schlafzimmers, irgendwo seine Klamotten…

(2006)

Vanitas

>>>>>[BEWUSSTSEIN. Gebootet, aufglimmend wie ein schwacher LED-Schirm. In der Luft ein tiefes Wimmern, auf meiner Brust etwas schweres.
Atemraubend.
Erdrückend!
Wirklich erwacht; auf meiner Brust, die Lenkstange eines Motorrads, das Wimmern, kläglich. Was ist schlimmer, die Enge oder das Geräusch?
Fremde, aber doch, meine Hände, drücken, schieben die Maschine runter, Leder schabt zwischen dem Metall und dem Asphalt, ich kämpfend dazwischen, und endlich, das Wimmern verstummt.
Ich habe damit aufgehört.

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Splitter 1

…aber wem erzähle ich das eigentlich?

Imagination: Vielleicht einem unendlichen, da letztendlich kreisartig, ausgedehntem, digitalen Orkus; indem, von den paar Stammbesuchern hier mal abgesehen, an denen die Einträge vorbei defilieren, ob sie wollen oder nicht, da selbst eine Konzentration auf die ureigensten Gespräche nicht unbedingt ausschließen kann, doch noch Fetzen dieser anderen Beiträge aufzuschnappen, von diesen eigenen Lesern also mal abgesehen, keine Rezipienten zur Verfügung stehen. Worte in die unendlich endlich gefüllte Leere, umrahmt von Übertragungsprotokollen, dem Internet als quasi-geduldiges Nicht-Wesen entgegengeschrieben. Kommunikation ohne Empfänger?

Digitale Graffiti, ganz tief im Netz, jenseits der belebten Areale, in dunklen, verlassenen Gassen, tief drinnen, für Streuner, die sich nicht von der Masse mitziehen lassen, sondern ihren eigen Weg durch Raum UND Zeit suchen, hey, wer schaut schon in Gästebüchern und Foren nach Monate alten Einträgen, Graffiti, die mit jedem neuen Tag oder vielmehr mit jedem neuen Tag davon gleitet. Cyber-Romantik.

Cyber-kalte Wirklichkeit. Löschenden Sysops, Viren, Reboots der Software, Defekte in den Neo-Aktenschränken der Server-Welt…

(2002)