An den Teenager eben an der Kasse bei ‪#‎Rewe…

Menschen unter 25 nutzen Facebook ja eh nicht, Snapchat hab wiederum ich nicht, oh, Generationgap und überhaupt, aber… An den Teenager eben an der Kasse bei ‪#‎Rewe‬:
Ja, das Baby der Kundin hat laut geweint;
Ja, Du hast Grimassen geschnitten und gelächelt und gezwinkert und Dich zum Affen gemacht;
Und ja, Du hast ihm zum Abschied gewunken, als der Kleine dann doch glucksend von seiner Mutter hinausgeschoben wurde.
Und ja, dieser große, böse Mann an der anderen Kasse (also ich) hat Dich dabei erwischt, weiß ich doch, sonst wärst Du, als sich unsere Blicke trafen, nicht so rot angelaufen…
Du hast alles richtig gemacht, mein Freund. Und vielleicht wirst Du mal ein Vater, und vielleicht auch nicht, und vielleicht hat es Dir noch niemand gesagt, und deswegen tue ich es jetzt – das, genau das, bedeutet es auch, ein Mann zu werden, ein Mann zu sein. Lass Dir von Deinen Kumpels bloß nichts anderes einreden; und wenn Du das nächste Mal denkst, Du solltest ein kleines Würmchen trösten, dann mach ruhig. Du bist cool!

Wer sich in fremde Gespräche begibt, kommt darin um oder so…

Ich verstehe es nicht. Immer noch nicht…
Wer sich in fremde Gespräche begibt, kommt darin um oder so, aber manchmal stolpert man halt über den ein oder anderen Post im eigenen Freundeskreis, über die dortigen Kommentare und den Meinungen von Menschen, die man selbst nicht kennt…
Und vielleicht hat man diese Meinungen eigentlich schon viel zu oft gehört und gelesen, und vielleicht auch einmal zu viel, und vielleicht werde ich es nie verstehen.
Und vielleicht muss einfach mal was raus…
„Wir müssen uns nicht für unsere Geschichte schämen“ ist eine dieser Meinungen, schließlich „bestand die ja nicht nur aus dem dritten Reich“.
Ich lese, das es Menschen traurig finden „dass es so viele gibt, die immer und immer wieder darauf rumreiten“.
Ich lese, das „wir damals ja außerdem noch gar nicht gelebt haben.“
Ich lese, das „andere Länder auch viel Mist gebaut haben, und da zeigt keiner mit dem Finger drauf“…
Und ich lese diese Meinungen, und vielleicht werde ich wütend, ich bin früher oft wütend geworden, oder vielleicht stehe ich auch da, mit meiner Ratlosigkeit, mit meiner Trauer.
Menschen, so viele Menschen, hier und jetzt, vor einem Augenblick nur…
Menschen, so unzählig viele Menschen, die so unglaubliches Leid erfuhren und verübten. Menschen, die Goethe und Schiller gelesen hatten, in Göttingen oder Heidelberg oder Berlin studierten, die in meiner Muttersprache diskutiert, geflucht, und gebetet haben, die „Hänschen klein“ sangen.
„Ich liebe Dich“ flüsterten.
Menschen, die nach ihrer „Mutter“ schrien, als sie elendig verreckten…
In meiner Muttersprache. In Deiner Muttersprache. Hier, und jetzt, vor einem Augenblick nur.
Und ich kann nicht anders, aber mir kommen die Tränen…
So viele Leben, so viel Leid, egal, was für einen Ausweis ich in meiner Tasche trage, egal, was für eine Flagge ich bei einer WM schwenke; Fassungslosigkeit, ob dessen, was wir, Menschen, anrichten können; scheiß auf Nationalität, scheiß auf Nachgeboren oder nicht; das, was dort passierte, sollte jeden von uns jeden Morgen aufs Neue die Tränen in die Augen treiben, noch bevor wir den ersten Kaffee getrunken haben!
Und wenn wir die gleiche Sprache sprechen, und wenn es direkt hier passierte…
Trotz?
Schwamm drüber?
Wenn es uns, gerade uns Nachgeborene, nichts angeht – wem denn dann…
Die Lebenden verlangen von uns keine Entschuldigung.
Die Toten zwingen uns nicht zur Scham.
Das sollten wir von alleine spüren. Und vielleicht ein wenig Demut.

In der Nacht, als Robin Williams sich tötete, saß ich vor Twitter.

Heute vor einem Monat, in der Nacht, als Robin Williams sich tötete, saß ich vor Twitter.

Heute vor 13 Jahren saß ich vor einem anderen Screen, als ein zweites Flugzeug in einen zweiten Turm fiel. Damals lebten wir noch in einer Zukunft, in der wir nachts in den Cyberspace hinabtauchten; irgendwann später surften wir in einem Net, immerhin, dann fuhren wir auf einem Datenhighway, heute sitzen wir vor unseren Rechnern, vor Twitter, vor Facebook, oder halten den Screen gleich in unseren Händen. Ich denke, das hat irgendwas zu bedeuten, aber ich weiß nicht genau, was.

In jener Nacht, als Robin Williams seinem Leben ein Ende setzte, saß ich also vorm Rechner, random die Zeit vertreibend, als plötzlich die Meldungen aufploppten.
Nur ein paar Stunden zuvor, da muss er schon tot gewesen sein, tippte ich „Oh Captain, my Captain“ in den Screen in meiner Hand, weil mich irgendein Witz, irgendein Spruch über Piraten dazu getriggert hatte. Arrrr und Yohoho und so. Ich habe diesen Film nie gesehen, aber ich kenne die Szene, ich kenne das Gedicht von Walt Whitman, ich kenne die popkulturellle Bedeutung.
Und ich saß dort, dachte an Vietnam, dachte an Alaska, dachte an den Gral, an ein Leben, das anderen Menschen etwas geschenkt hatte, dachte an Schmerz und Hoffnungslosigkeit und Dunkelheit und freien Willen.

Ein paar Tage später wiederum saß ich in der Sonne, mit einem Becks in der einen, einer Kippe in der anderen Hand, und unterhielt mich über Filme, über Humor, über Schauspieler und Stars. Vielleicht lag sein Name in der Luft, vielleicht dachten wir beide daran, das dieser Mensch gerade sein Leben beendet hatte, und vielleicht brach mir mitten im Gespräch die Stimme, und vielleicht fiel es mir in diesem Moment unglaublich schwer, nicht einfach hemmungslos loszuheulen.

Gestern saß ich wieder vorm Rechner, random die Zeit vertreibend. Über eine vergessene Assoziationskette kam ich zu Moonraker. Ich bin kein Bond-Fan, aber viele dieser Filme waren als xte TV-Wiederholung für eine Dorfjugend irgendwo in Niedersachsen immerhin etwas. Über den Wikipedia-Artikel fiel mir wieder diese eine Szene ein, in der sich amerikanische SpaceMarines (!) in der Schwerelosigkeit ein Laser-Feuergefecht mit den Schergen des Oberschurken liefern. Und mir fiel wieder diese andere Szene ein, Richard Kiel, in seiner völlig überdrehten Rolle als Der Beißer, mit seinem Mädchen (!!), in einer Raumkapsel gegen Ende des Films, nur noch halb Schurke, dafür ganz viel Bond, Sekt und Sterne und Romantik und HappyEnd.

Heute ist Richard Kiel verstorben. Und ich sitze wieder vorm Rechner, mit einem Bier in der einen, einer Kippe in der anderen Hand und denke an Filme, an Humor, an Schauspieler und an König der Fischer und an Moonraker und an kleine niedersächsische Dörfer. Und fange an zu tippen. Leben ist komisch.

Döner, iPhones und Frittensaddam…

Und dann stehst Du mit T. in nem McDöner, wartest auf euer Essen, und irgendwie ist das die allerletzte Art, eine Freitagnacht zu beginnen, ganz egal welche, von DIESER Nacht mal ganz abgesehen.
Du umklammerst nen Hansa, ein eiskaltes Hansa, und versuchst an nichts anderes zu denken. Kaltes Bier. Nicht an das Zittern Deiner Hände. Ganz sicher nicht an SIE.
T. trinkt seine Cola, spielt nonstop mit seinem iPhone, geht völlig darin auf und viel zu sehr dabei ab, Dir seine Welt zu zeigen.
Die Dir völlig am Arsch vorbei geht.
Hektisches Wischen über den Screen, schneller Wechsel, schnelleres Reden. Menschen, die er liest, die ihn aber nicht lesen, die er irgendwie kennt, die ihn aber ganz sicher nicht kennen, Porn, Musik, Comics, noch mehr Porn, Facebook, Singlebörsen und Du trinkst stumm Dein Hansa, schneller, noch eins, noch schneller.
Und der Saddam hinter seiner Theke, verschanzt in seinem so sicheren Hinterland jenseits der Berge aus Krautsalat und Schafskäse und kalten Pizzen und Formfleischteilen, mit seinem Heiligenschein aus aufsteigendem Friteusenfett und null Problemen macht nen Spruch.
Und T. lacht, und wenn Du jetzt nicht sofort noch nen Bier trinkst, flippst Du hier völlig aus.
Denn echt jetzt, welche erbarmungswürdige Existenz will denn Freitagnachts, heute, in ner verfickten, stinkenden, von nem verkappten Frittensaddam geführten Gammelfleischdönerbude stehen und sich Chuck-Norris-Witze anhören, Held hin oder her, oder Landserromantik vom großen Krieg Apple gegen Microsoft, oder Geschichten von am Weltschmerz leidenden Kiddies, die das Netz mit Fickwünschen und Geschichten über Nazis und Vampire und Nazivampire voll kotzen, und nachts voller Angst wach liegen, ob Papi ihnen den BMW zum 18. schenkt oder nicht, und natürlich hättest Du auch gerne nen BMW oder zumindest die Zeit und die Muße und das echte Verlangen drüber nachzudenken, aber Du musst ja in DEINEN Nächten unbedingt durch die Straßen schleichen, Risse in der Welt suchen, Gott suchen…
Und jetzt glotzen Dich beide an, T. sagt irgendwas, während er sein iPhone aus seiner Cola angelt und der Frittensaddam fragt irgendwie leicht verschnupft, ob Ihr die Scharfe oder die Spezial auf die Döner haben wollt, und dann schnappt Euch Eure Tüten und verpisst Euch bitte und vielen Dank und kommen Sie wieder.
Und dann mit T. auf der Straße im Regen. Gezwungene Konversation, die Stimmung ist raus, er wundert sich nur über diese Ähnlichkeit von Frittensaddam mit, na ja, Du weißt schon mit wem.
Aber Du hast jetzt garantiert keinen Bock, ihm DIE Geschichte zu erzählen oder überhaupt noch irgend eine, und so schmeißt T. seine durchweichenden Dönerfrittentüten auf den Beifahrersitz seines Fords, und nichts wie weg von hier. Auf keinen Fall weiter einmischen, mit Dir hier draußen gesehen werden, am Ende noch Partei ergreifen. Sein gemurmeltes VielGlückundso ist schon fast zuviel. Außerdem wartet da noch seine Frau, und so verschwindet er, es gilt noch Orks zu töten und Dörfer niederzubrennen heute Nacht.
Du schaust den Rücklichtern hinterher, bis sie ganz im Verkehr aufgegangen sind, noch ein wenig letzte Zeit schinden, aber schließlich gehst Du los. Raus aus dem Fettkippenbiergestank der Dönerbude. Richtung Rhein.
Und vielleicht schaut Saddam durch seine Fensterfront hinter Dir her, wünscht Dir Triumph oder Untergang.
Oder vielleicht auch nicht.

Ostern und so

Und dann ist es Ostersonntag und Du stehst in der Notaufnahme, irgendwo in einem Kölner Krankenhaus.
Es wird schon nichts sein.
Es ist voll, natürlich ist es voll, vor Dir, neben Dir, um Dich herum, überall in der großen Halle gehen Menschen auf und ab, genau wie Du. Menschen, die darauf warten aufgerufen zu werden, genau wie Du, Menschen, die sich ihre Stunde außerhalb des Krankenbetts gönnen, Menschen, die darauf warten, das die verfickte Cafeteria endlich öffnet. Du siehst in jedes Gesicht, und Du siehst traurige Gesichter, einsame Gesichter, leere Gesichter; Du siehst Menschen, die ihr Kreuz tragen, jeder für sich, genauso wie ihre Infusionsständer und Urinbeutel, Du siehst Menschen, die sich auf einen Besuch freuen, am Eingang auf und ab tigern, es nicht erwarten können, etwas Kontakt.
Menschen. Und Du ziehst zwischen ihnen Deine Runde, blickst auf den rosa, marmorartigen Boden, wartest.
Es wird schon nichts sein.
Du beobachtest die Flügeltüren zur Notaufnahme, wie sie sich öffnen und schließen, Du wartest, an Dir vorbei das Kommen und Gehen, das Pärchen, das schon genauso lange wartet wie Du, er sie fest im Arm haltend, die ganze Zeit, die FC-Fans, mit blutenden Nasen und breitem Grinsen, die kleine süße Krankenschwester, hektisch, pflichtbewusst, professionell, sehr süß, sehr blond.
Es wird schon nichts sein.
Schlag halb öffnen sich hinter Dir die Türen zum Cafe, endlich, Besucher, Patienten, Winterjacken und Urinbeutel stürmen an die Tische, an den Kaffee, an den Kuchen, und die eigentlich merkwürdig stille Vorhalle füllt sich mit ihrem Lachen, ihren belanglosen Geschichten, ihrem Geklapper von Tassen, Tellern, Besteck.
Es wird schon nichts ein.
Blicke durch die sich immer wieder öffnenden Türen, mit jedem Öffnen wartest Du auf Deinen Namen, schaust den Gesprächen an der Anmeldung zu, jetzt untermalt vom Kratzen der Kuchengabeln auf billigem Geschirr, und Dir fällt die Angst in den Gesichtern auf, das unruhige Sprechen, das unruhige Platz nehmen im Wartezimmer. Warten.
Es wird schon nichts sein.
Und plötzlich ist er da. Er stürmt in die Halle, an Dir vorbei Richtung Notaufnahme, ein Mann, vielleicht in seinen Vierzigern, Funktionsjacke, darunter ein blaues Hemd, Chinos, ein Bündel in seinen Armen, diesen Ausdruck im Gesicht, er würde rennen und rennen und rennen, egal wie lang, egal gegen wen.
Und das Bündel schreit.
Er rennt zur Anmeldung, Du siehst ihn brüllen, verstehst aber kein Wort, in Deinen Ohren nur die Gesprächsfetzen aus der Cafeteria, die FC-Fans machen ihm Platz, Blut spritzt, die kleine süße Schwester stürzt mit einer Decke zu ihm, das kleine, schreiende Bündel in den Armen des rennenden Mannes wechselt den Besitzer, an Dir vorbei stolpert eine junge Frau in der gleichen Funktionsjacke in die Szene, Tränen im viel zu blassen Gesicht, und das kleine schreiende Bündel verschwindet in den Armen der süßen Krankenschwester irgendwo in den Tiefen des Krankenhauses, der rennende Mann hinterher. Und die weinende Frau.
Und die Türen schließen sich wieder, und hinter Dir klappern weiter die Löffel, die Kuchenteller, hinter Dir rauschen weiter die Gespräche.
Und egal, was ist, egal, was kommt – eigentlich geht es Dir immer noch viel zu gut…

Splitter 6

„Haste Feuer, Towarischtsch?“
„Verpiss Dich!“ Seine Worte waren draußen, bevor er den Penner überhaupt richtig wahrgenommen hatte.
Jetzt erstarren beide, in einem zähen Moment, Blicke in einander verhakt, das dreckige Gesicht zoomt näher, blutige Lippen, gelbe Augen. Die Menschenmassen treiben vorbei, langsamer, und jetzt, jetzt melden sich seine Chips, der Booster springt ihn an, ebenso wie die grellen Neonlichter der Station, das Luftdruckgetöse beim Eintreffen der Linie 4, Richtung Dom, die abgestandene, verbrauchte Luft, das Funkeln des chromumrandeten Loches in der Schläfe des Penners vor ihm.
Er kämpft gegen die Chips, gegen die Tokarev, die unbedingt, und zwar SOFORT, raus will, um dem Dreckhead einfach ins Gesicht zu schießen.
Eine Nutte rempelt ihn an, das zerstört es. Der Penner reißt sich aus seinem Blick, nur fort von diesem komischen Arschloch, ganz sicher hatte er etwas bemerkt, die Nutte stöckelt ihrer Bahn entgegen, ihr Arsch in transparentes Latex geschweißt, und fort sind beide, in seinem Blickfeld nur wieder die gesichtlose Masse.
Der sich jetzt leerende U-Bahn Tunnel.

Splitter 5

Und sie spürt eine Anwesenheit, noch bevor sie den Geruch der nassen Jeans, des durchweichten Parkas, noch bevor sie den Geruch von Herbst in seinen langen Haaren wahrnimmt. Schritte, zögernd, und schließlich sieht sie ihn, auf der Matratze, zu seinen Stiefeln eine Lache des Regens.
Und er wirkt so klein.
Kraftlos.
Geschlagen.
Sie bleibt in der Tür stehen, fällt gegen den Rahmen, unfähig den Blick von seiner Gestalt zu nehmen, ohne Kontakt, seine Augen irrlichtern im Raum jenseits der Fenster, irgendwo im verhangenen Himmel, tanzend mit den Sturm. Nach einer Ewigkeit hebt er leicht den Kopf, schaut sie endlich an, und sie sieht es, findet endlich die Bestätigung in seinen Augen.
Und auf den Wangen plötzlich Feuchtigkeit, die nicht vom Regen stammt.
Bei keinem von ihnen…